Was Gauck sagt stimmt

Gauck war nicht mein Wunschkandidat als Bundespräsident, ich persönlich sähe es sowieso lieber wenn dieses Amt abgeschafft würde. Insofern habe ich seine bisherige Amtszeit auch nur mit einem halben Auge und Skepsis verfolgt. Doch seine heutige Rede an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg finde ich bemerkenswert, weil er etwas anspricht, das bisher zu sehr verdrängt worden ist. In allem mag ich ihm nicht zustimmen, einige Teile seiner Rede sind auch schlicht seinem Amt und etwas Lobhudelei in Richtung der Soldatinnen und Soldaten geschuldet. Ebenfalls mag ich nicht beurteilen, ob unsere Gesellschaft “glückssüchtig” ist. Mit Sicherheit aber ist Sterben und Tod aus dem Alltag verdrängt worden, das gilt genauso für den normalen Tod als auch für im Einsatz getötete Soldaten. Wie nötig eine Diskussion über die Einsätze der Bundeswehr ist, zeigt schon wie lange es gedauert hat, bis ein deutscher Verteidigungsminister erstmals offiziell von “Gefallenen” sprach. Ob dieser Begriff eine Beschönigung darstellt ist wieder eine andere Sache, in unserem Sprachgebrauch sagt er aber aus, dass jemand in Kampfhandlungen, also im Krieg gestorben ist. Krieg ist ein weiterer Begriff um den sich die Regierung drückt. Nicht alle Einsätze der Bundeswehr sind friedliche Hilfseinsätze oder dienen der Absicherung von Grenzen; die deutschen Truppen in Afghanistan befinden sich faktisch in einem Kriegseinsatz.

Da Gauck trotz einer meiner Meinung nach reichlich positiven Sicht auf die Bundeswehr und Auslandseinsätze explizit von Gefallenen spricht, zeigt aber (besonders im Kontext der gesamten Rede) dass ihm bewusst ist, wovon er redet. Deutsche Soldaten die außerhalb Deutschlands eingesetzt werden und dabei zu Tode kommen, waren in der Geschichte der Bundesrepublik über Jahrzehnte undenkbar. Lange Zeit wurde die Verantwortung die sich aus unserer Vergangenheit unter dem Nationalsozialismus ergibt so ausgelegt, dass kein deutscher Soldat jemals wieder für Kampfhandlungen fremden Boden betreten darf. Durch die Wiedervereinigung und nicht zuletzt durch das Bundesverfassungsgericht, das Einsätze im Ausland unter bestimmten Bedingungen legitimierte, hat sich der Aufgabenbereich der Bundeswehr aber verändert. Seitdem beteiligt sich Deutschland an vielen guten Einsätzen, der am meisten diskutierte ist aber wohl der in Afghanistan. Gleichzeitig ist es auch der Einsatz, bei dem die Regierung bisher am meisten versagt hat. Ob sich Deutschland überhaupt daran hätte beteiligen sollen (ich denke nicht), ist mittlerweile unerheblich geworden, nicht aber der Umgang damit. Viel zu lange wurde nicht deutlich gesagt, dass es sich dabei um Krieg handelt und die Gefallenen unter den Tisch gekehrt.

So betrachtet ist es für mich kein Wunder, dass die Gesellschaft in der Regel keinen Bezug zur Bundeswehr hat. Die Politik hat bisher dabei versagt, die Bevölkerung darauf vorzubereiten und noch wichtiger, zu erklären weshalb wieder deutsche Soldaten sterben können. Wenn Gauck mit seiner Rede nicht nur eine Diskussion in der Bevölkerung sondern auch in der Politik und bei der Bundeswehr selbst anregt, hat sie sich gelohnt. Ich würde mir wünschen, dass dieses Thema wirklich offen und realistisch angegangen wird.

Die Rede von Gauck im Wortlaut


Kommentare

Was Gauck sagt stimmt — 5 Kommentare

  1. Und was sagst Du zur Glückssucht? Auf der Website steht ein anderer Text als das, was Gauck wirklich gesagt hat. Hör Dir mal das MP3 an.

  2. Was ich zur “Glücksucht” denke, steht im Artikel. Muss man halt erst lesen, bevor man kommentiert. Dieser Trick hat sich schon oft bewährt, macht es allerdings etwas kompliziert.

  3. Gut, hab ich übersehen, aber Du weichst der Frage trotzdem aus: Was denkst Du dazu? Es einfach nur nicht beurteilen zu können, ist das eine, aber eine Meinung wirst Du dazu ja wohl haben, oder? Ist es glückssüchtig, wenn man Tote vermeiden will?

  4. Tote vermeiden ist immer gut, doch sind sie leider nicht immer auszuschließen. Gerade deswegen brauchen wir die Diskussion um zu verhindern, dass deutsche Soldatinnen und Soldaten sinnlos sterben.

  5. Es gibt wohl keinen noch so weißwestigen Politiker auf dem ganzen Erdball, über den sich nicht das gesamte Internet aufregen würde, wenn ihm seine Worte so sinnentstellt zusammengestutzt würden. (“Ist es glücksüchtig, wenn man Tote vermeiden will?”)

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