Die Zeit ist aus den Fugen
Man weiß nicht ein, und man weiß ebensowenig aus. Die christliche Weltanschauung, die seit zweitausend Jahren auch von den fortgeschrittensten Geistern doch im ethischen Teil akzeptiert wurde, erfährt in einem jenseits von Gut und Böse arbeitenden System die schwerste und brutalste Anbohrung. Die Verbrecherinstinkte rücken zur Philosophie auf. [...] Uralte Kulturländer Europas sind an der Stirn gezeichnet. Spanien ist ausgebrannt, Italien kommt nicht mehr ernsthaft in Betracht, und Frankreich, im tödlichen Niedergang, könnte das Schicksal Polens haben, an einem bösen Tag. Adieu, charmant pays de France!
Das liest sich wie eine Kulturkritik der FAZ oder die Neujahrsansprache von Kardinal Meisner, wurde aber schon 1899 geschrieben. Die Zitate stammen aus einem Silvester-Brief des Berliner Kritikers und Essayisten Alfred Kerr, der heute wohl nur noch Eingeweihten ein Begriff ist. Diese Bestandsaufnahme vor dem Wechsel ins 20. Jahrhundert ist nicht nur historisch interessant, sie ist auch erschreckend aktuell. Denn es zeigt, dass man auch vor 110 Jahren schon einem Kulturpessimismus anhing, der dem heutigen sehr ähnlich ist. Anscheinend ist es wirklich so, dass die Menschen ihre Zeit für die jeweils schlimmste halten. Vielleicht werden auch unsere Nachfahren in 100 Jahren über die Sorgen von 2010 lächeln, weil sie aus ihren Geschichtsbüchern wissen, wie es ausgegangen ist. Den gesamten Brief von Herrn Kerr gibt es bei Welt online zu lesen. Er schließt mit den folgenden guten Worten:
Adieu, Leser. Es schadet nichts, wenn wir einer dem anderen für den neuen Zeitabschnitt recht viel privates Glück wünschen.

Wieder mal Zeit für den letzten Eintrag des Jahres. Ging das Jahr eigentlich nur für mich so schnell vorbei, oder habt ihr das auch so erlebt? Ich möchte mich jedenfalls artig bei meinen Leserinnen und Lesern bedanken, dass ihr diesem Weblog ein weiteres Jahr die Treue gehalten habt. Ich wünsche euch einen schönen Silvesterabend, was immer ihr auch treibt, einen guten Rutsch und fürs neue Jahr natürlich alles Gute. Ich bin zwar schon seit langem kein großer Optimist mehr, was Prognosen für die Zukunft angeht aber mehr als abwarten bleibt uns ja sowieso nicht. Ich werde die diesjährige Silvesternacht auf der Arbeit mit den lieben Patienten verbringen. Deshalb könnt ihr euer Glas nachher vielleicht auch auf die vielen Menschen erheben, die heute Nacht irgendwo arbeiten müssen. Ich stoße dann morgen Früh mit einem Bierchen auf 2010 an. Gehabt euch wohl und wir lesen uns im nächsten Jahr wieder.

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und so bleibt mir nichts weiter übrig, als mich bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser für Ihr Interesse an diesem kleinen Weblog zu bedanken. Kommen Sie gut ins neue Jahr, egal ob Sie den heutigen Abend eher ruhig oder im Rahmen einer Festivität begehen. Achten Sie auf Raketen im Tiefflug und lassen Sie das letzte Getränk lieber unberührt, denn davon bekommt man bekanntlich am nächsten Tag schlimmste Kopfschmerzen. In diesem Sinne einen guten Rutsch, alles Gute für Ihr persönliches 2008 und bleiben Sie mir gewogen.



