Einen solchen Aufschrei der Entrüstung in der Politik nach einer Predigt hat es lange nicht gegeben, zumindest erinnere ich keinen. Politiker fast aller Parteien attackierten die evangelische Bischöfin Käßmann scharf, nachdem sie in ihrer Neujahrspredigt unter anderem den Kampfeinsatz – manche würden es Krieg nennen – in Afghanistan kritisierte. Stein des Anstoßes sind die folgenden Sätze der Ratsvorsitzenden:
Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. Wir brauchen Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen. Manche finden das naiv. Ein Bundeswehroffizier schrieb mir, etwas zynisch, ich meinte wohl, ich könnte mit weiblichem Charme Taliban vom Frieden überzeugen. Ich bin nicht naiv. Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan.
Ich frage mich nur, was die Politik von Frau Käßmann erwartet hat? Aus christlicher Sicht kann sie nicht anders, als jeden Waffeneinsatz zu verurteilen. Ich erinnere da an den verstorbenen Johannes Paul II. der vor und während des letzten Kriegs im Irak vehement gegen den Einmarsch protestierte. Auch er konnte nicht anders, denn das Evangelium und Krieg sind unvereinbar. Ralf Fücks, Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung hat es ungewollt auf den Punkt gebracht, indem er “die zur Routine gewordene Unart, im Brustton der höheren Moral politische Handlungsanweisungen zu erteilen” kritisierte. Doch genau das ist die Aufgabe der Kirchen; Politiker im Zweifelsfall daran zu erinnern, dass ihr Handeln im Widerspruch mit den moralischen Vorgaben des Christentums steht. Da braucht sich Frau Käßmann auch nicht mit der Realität abgeben, sondern kann Forderungen stellen, die über einen simplen Pragmatismus hinausgehen. Das Evangelium selbst ist schließlich von einem rein rationalen Standpunkt aus ebenfalls nicht zu begreifen.
Und davon ab: Es ist auch nichts gut in Afghanistan. Ich bin zwar wahrlich kein Pazifist und glaube, dass ein Krieg zwar das letzte Mittel sein muss, doch manchmal leider unvermeidbar ist. Nur ist diese Strategie in Afghanistan doch wohl vollkommen gescheitert. Trotz aller Bomben und Gefechte sind die Taliban außerhalb Kabuls immer noch die Herren im Land und es sieht nicht so aus, als sei der weltweite islamistische Terrorismus großartig eingedämmt. Was genau vor Ort passiert kann man nur mutmaßen, denn ich gehe nicht davon aus, dass die Öffentlichkeit über alles informiert wird. Die deutsche Politik hat es auch bisher nicht geschafft, der Bevölkerung und vor allem den Soldaten den Sinn dieses Einsatzes zu verdeutlichen. Ein Krieg ist es auf keinen Fall, manchmal hört man von kriegsähnlichen Zuständen und eigentlich betreibt die Bundeswehr ja zivile Aufbauarbeit. Ja was denn nun? Außerdem finde ich es äußerst problematisch, dass deutsche Soldaten ihr Leben für ein Land einsetzen, dessen Präsident augenscheinlich durch massiven Wahlbetrug an der Macht verblieben ist. Ich frage mich, wie das mit den demokratischen Ansprüchen der militärischen Allianz in Einklang zu bringen ist.
Nein, die Kritik der Bischöfin hat Hand und Fuß. Der empörte Aufschrei unserer politisch Verantwortlichen zeigt, dass sie den Finger in eine offene Wunde gelegt hat, die die Regierung nicht schließen kann oder will. Es ist nur legitim, dass da von christlicher Seite unbequeme Forderungen gestellt werden.