04 Januar
6Comments

Lanze für Frau Käßmann

Einen solchen Aufschrei der Entrüstung in der Politik nach einer Predigt hat es lange nicht gegeben, zumindest erinnere ich keinen. Politiker fast aller Parteien attackierten die evangelische Bischöfin Käßmann scharf, nachdem sie in ihrer Neujahrspredigt unter anderem den Kampfeinsatz – manche würden es Krieg nennen – in Afghanistan kritisierte. Stein des Anstoßes sind die folgenden Sätze der Ratsvorsitzenden:

Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. Wir brauchen Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen. Manche finden das naiv. Ein Bundeswehroffizier schrieb mir, etwas zynisch, ich meinte wohl, ich könnte mit weiblichem Charme Taliban vom Frieden überzeugen. Ich bin nicht naiv. Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan.

Ich frage mich nur, was die Politik von Frau Käßmann erwartet hat? Aus christlicher Sicht kann sie nicht anders, als jeden Waffeneinsatz zu verurteilen. Ich erinnere da an den verstorbenen Johannes Paul II. der vor und während des letzten Kriegs im Irak vehement gegen den Einmarsch protestierte. Auch er konnte nicht anders, denn das Evangelium und Krieg sind unvereinbar. Ralf Fücks, Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung hat es ungewollt auf den Punkt gebracht, indem er “die zur Routine gewordene Unart, im Brustton der höheren Moral politische Handlungsanweisungen zu erteilen” kritisierte. Doch genau das ist die Aufgabe der Kirchen; Politiker im Zweifelsfall daran zu erinnern, dass ihr Handeln im Widerspruch mit den moralischen Vorgaben des Christentums steht. Da braucht sich Frau Käßmann auch nicht mit der Realität abgeben, sondern kann Forderungen stellen, die über einen simplen Pragmatismus hinausgehen. Das Evangelium selbst ist schließlich von einem rein rationalen Standpunkt aus ebenfalls nicht zu begreifen.

Und davon ab: Es ist auch nichts gut in Afghanistan. Ich bin zwar wahrlich kein Pazifist und glaube, dass ein Krieg zwar das letzte Mittel sein muss, doch manchmal leider unvermeidbar ist. Nur ist diese Strategie in Afghanistan doch wohl vollkommen gescheitert. Trotz aller Bomben und Gefechte sind die Taliban außerhalb Kabuls immer noch die Herren im Land und es sieht nicht so aus, als sei der weltweite islamistische Terrorismus großartig eingedämmt. Was genau vor Ort passiert kann man nur mutmaßen, denn ich gehe nicht davon aus, dass die Öffentlichkeit über alles informiert wird. Die deutsche Politik hat es auch bisher nicht geschafft, der Bevölkerung und vor allem den Soldaten den Sinn dieses Einsatzes zu verdeutlichen. Ein Krieg ist es auf keinen Fall, manchmal hört man von kriegsähnlichen Zuständen und eigentlich betreibt die Bundeswehr ja zivile Aufbauarbeit. Ja was denn nun? Außerdem finde ich es äußerst problematisch, dass deutsche Soldaten ihr Leben für ein Land einsetzen, dessen Präsident augenscheinlich durch massiven Wahlbetrug an der Macht verblieben ist. Ich frage mich, wie das mit den demokratischen Ansprüchen der militärischen Allianz in Einklang zu bringen ist.

Nein, die Kritik der Bischöfin hat Hand und Fuß. Der empörte Aufschrei unserer politisch Verantwortlichen zeigt, dass sie den Finger in eine offene Wunde gelegt hat, die die Regierung nicht schließen kann oder will. Es ist nur legitim, dass da von christlicher Seite unbequeme Forderungen gestellt werden.

02 Juli
0Comments

Ride the Lightning

Blitzeinschlag

Am 2. Juli 1505 geriet ein Student der Rechtswissenschaften auf dem Heimweg von seinen Eltern in einen Sturm. Die Legende besagt, dass es ein Unwetter der ganz besonders widerlichen Art war. Als der junge Mann mitten durch das Gewitter in Richtung Erfurt eilte, schlug plötzlich ein Blitz direkt neben ihm im Boden ein und warf ihn zu Boden. Pladdernass und zu Tode geängstigt rief er die Heilige Anna, Patronin bei Gewittern an ihm beizustehen. “Lässt Du mich leben, so will ich ein Mönch werden.” schrie er und wurde tatsächlich erhört. Durch dieses Gelübde getrieben, trat er in ein Kloster ein und machte dadurch seinen Vater stinksauer. Einige Jahre später verärgerte er sogar den Papst und eine ganze Menge anderer Leute, doch da war Luther schon längst als Reformator bekannt. Man sieht also, dass durch einen Blitzeinschlag eine Menge in Bewegung kommen kann. Aus diesem Grund gibt es heute nur für Martin Luther, eine prima Live-Version aus dem Jahr 1987 von Metallica’s Ride the Lightning.

23 Februar
0Comments

Piercings und schlechtes geistliches Liedgut

Hier ein kleines Beispiel aus der Abteilung gänzlich sinnfreier Lieder für den Gottesdienst. Bitte beachten Sie die sozialkritische Anmerkung in der vierten Strophe:

1. Ohne Wasser können wir nicht leben, Frucht und Ernte kann es dann nicht geben! Ja, Gott schenkt uns Wasser hier auf Erden, darum soll dies unser Danklied werden.

2. Brunnen fließen und die Quellen springen, Bäume wachsen, Felder Früchte bringen.

3. Auf den Feldern wirken Tau und Regen und die Sonne unsern Erntesegen.

4. Flüsse, Seen gilt es auch zu pflegen, reines, gutes Wasser ist ein Segen.
© Text und Melodie: Wolfgang Longardt

Als dieses Lied gestern im Taufgottesdienst meiner Nichte in spe gesungen wurde, musste ich mehr oder weniger innerlich richtig lachen. Davon abgesehen war der Gottesdienst aber völlig in Ordnung, wenn auch für meinen Geschmack etwas zu sehr auf Kinder als auf Teenager ausgerichtet. Größer war das Problem die richtige Kirche zu finden, denn die Stadt Dorsten verhält sich damit geradezu geheimniskrämerisch. So ergab es sich, dass wir erst bei den Neu-Apostolen (Sektierer! Dreh sofort um!) und dann an der evangelischen Erlöser-Kirche (Im Ausmaß seiner Hässlichkeit imposantes Gebäude) landeten. Durch die Hilfe freundlicher Einwohner konnten wir die richtige Kirche aber dann doch noch finden. Auffällig erschien mir zudem noch die Anzahl von Fitness- und Tattoo-Studios. In einem konnte man sich sogar gleichzeitig piercen, tätowieren, frisieren und die Nägel machen lassen. Da konnte ich den Dorstener, der erschöpft aus dem Injoy kommt um sich zum Abend noch schnell die Haare legen und den Prinz Albert ölen zu lassen direkt vor mir sehen.

19 Dezember
0Comments

Hirsche im Anzug

Hirsche auf einem Taschentuch

Heute habe ich schöne Taschentücher aus meinem Adventskalender gefischt. Das Rubbellos aus meinem anderen Kalender brachte leider wieder nicht die erwünschten EUR 20.000. aber bis zum 24. Dezember sind es ja noch ein paar Tage hin. Passend zum Thema habe ich ebenfalls heute einen Artikel zum Reichtum aus christlicher Sicht gelesen, der als Vorlage zur Diskussion der Synode der EKD entstand.

Reichtum muss als eine Gabe Gottes gesehen werden, die Menschen und Gruppen treuhänderisch anvertraut ist und sich darin bewähren soll, der ganzen Gemeinschaft zugute zu kommen, um die Lebens- und Teilhabemöglichkeiten aller Menschen zu erweitern und durch die Schaffung solidarischer Formen der Arbeit und der Lebenssicherung zu ihrer Freiheit beizutragen.

Reiche müssen dem Allgemeinwohl dienen

06 November
8Comments

Zwischen Modernisierung und Bewahrung

Von der Synode, geleitet von Nordhausens SPD-Oberbürgermeisterin Barbara Rinke, ist bislang kein Impuls für die Schärfung des evangelischen Profils ausgegangen. Der Wandel bleibt ein Prozess, den eine fordernde EKD-Spitze in informeller Abstimmung mit einzelnen Landeskirchen und regionalen Initiativen in Gang hält. Dass dabei das EKD-Kirchenparlament kaum eine Rolle spielt, liegt auch an jenen Synodalen, die sich lieber mit politischen Themen beschäftigen würden und glauben, die Öffentlichkeit erwarte Aufrufe gegen Kinderarmut oder Flüchtlingsabschiebungen.

Auch wenn ich dem Beginn der Session vorgreife: ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin. Nicht dass es auf katholischer Seite überall zum besten stehen würde; mit schwindenden Gläubigen und Priestern, sexuellem Missbrauch, Geldmangel und Angriffen durch Sekten hat die Kirche auch einige Schwierigkeiten, die noch zu bewältigen sind. Trotz allem hat es die Kirche aber geschafft, ihre Corporate Identity bis in dieses Jahrhundert zu bewahren. Sicherlich trifft die nicht bei allen Katholiken, Anders- und Nichtgläubigen auf Zustimmung, doch letztendlich wissen alle was sie von Rom erwarten können. Die EKD hingegen arbeitet seit Jahren an ihrem Spagat zwischen Modernisierung und Bewahrung, wobei sie meines Wissens beständig an Mitgliedern verliert, die sich Freikirchen oder ganz anderen Richtungen zuwenden, ohne sich ein wirkliches Profil zu verschaffen. Vielleicht sieht es auf der Ebene der durchschnittlichen Gemeinde anders aus, aber als ganz normaler Protestant würde ich mir zur Zeit ehrliche Sorgen um meine Kirche machen. Zumindest würde ich mich fragen, was nach fast 500 Jahren noch mit der Kirche Luthers übereinstimmt.

Auf der Synode macht sich Missmut breit

20 Oktober
2Comments

Ich stehe zum Leitbild Ehe und Familie

In unserem Ja zur Vielfalt sehe ich unsere Stärke. In Rumänien habe ich einen orthodoxen Gottesdienst erlebt, da spielt sich Liturgie ab, ohne dass die Gemeinde irgendwie beteiligt ist. Ohne Gemeinde gibt es aber für uns keinen Gottesdienst. Wir Evangelische sollten auch nicht versuchen, andere nachzuahmen, indem wir jetzt alle bunte Stolen tragen oder in klerikalen Kragen herumlaufen. Der schwarze Talar mit Beffchen ist unsere Tradition, ja unser Markenzeichen. Eine Stola gehört nicht dazu, sie ist Zeichen eines Weihepriestertums. Ich trage deshalb bewusst keine Stola.

Die evangelische Bischöfin Margot Käßmann spricht in der WELT über Ursache und Wirkung des neuen Atheismus, den derzeitigen Stand der EKD und der Möglichkeiten in der Zukunft. Als selbst Betroffene äußert sie sich auch zum Thema Brustkrebs und Scheidung, sowie zum Vorschlag, die erste evangelische Päpstin zu werden.

Interview mit der evangelischen Bischöfin Margot Käßmann