Heute Mittag stand ich vor der Wahl, entweder einen weiblichen Teenager so lange anzubrüllen, bis sie drei Tage weinend in ihrem Bett gelegen hätte oder mich in mein Auto zu setzen und einen Freund zu einer ungelegenen Zeit mit einem spontanen Besuch zu belästigen. Da in meinem Kopf ab und zu noch Funken von Vernunft aufblitzen, habe ich letzteres gewählt, und bin dadurch an einen ausgedehnten und entspannenden Osterspaziergang geraten. Angesichts dessen und der Veröffentlichung von Goethes Faust vor 200 Jahren, soll hier die Hymne an den Frühling und an das Menschsein aus Goethes Drama erwähnt sein:

Vom Eise befreyt sind Strom und Bäche,
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Thale grünet Hoffnungs-Glück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.

Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Ueberall regt sich Bildung und Streben,

Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlts im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen.

Aus dem hohlen finstern Thor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feyern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,

Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbes Banden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht

Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß, in Breit’ und Länge,
So manchen lustigen Nachen bewegt,

Und, bis zum Sinken überladen
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,

Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s seyn.

Aus: Faust I, Vor dem Tor, Quelle: Wikisource

Den kompletten Akt können Sie beim Projekt Gutenberg nachlesen und Vorleser.net bietet kostenlos eine vorgelesene Version des Osterspaziergangs im MP3-Format an.

Anmerkung: Für diesen Artikel ist kein weiblicher Teenager angebrüllt oder verletzt, geschweige denn mit einem Kopfkissen erstickt worden. Danken Sie Gott und Herrn Goethe.

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