Halbfinale im Krankenhaus
26. Juni 2008

Foto: Gernot Poetsch
Es scheint so, als würde ich fast alle wichtigen Spiele dieser EM auf der Arbeit verbringen, denn gestern Abend hatte ich wieder Nachtdienst. Normalerweise beginnt der Nachtdienst erst um 21.20 Uhr, doch um das ganze Spiel zu sehen, bin ich schon eine Viertelstunde vor dem Anpfiff zur Arbeit gegangen. Die Kollegin vom Spätdienst hat mir dann eine Ruck-Zuck-Übergabe gegeben und mir freundlich wie sie ist, schon alle Medikamente für die Nachtausgabe um 22.00 Uhr vorbereitet. So ausgestattet, konnte die Ausgabe der Medikamente ausnahmsweise im Fernsehraum stattfinden und vor allem, ohne das Spiel zu unterbrechen. Der Österreicher war leider nicht so gut vorbereitet wie ich, weshalb wir bei den Unterbrechungen immer komplett in den Raucherraum der Patienten laufen mussten, wo das Halbfinale im Radio lief. Sobald es wieder ein bewegtes Bild gab, brüllte irgendjemand über den Flur und wir liefen zurück vor den Fernseher.
In der zweiten Halbzeit gab es noch sehr leckere polnische Bockwürstchen, die einer der Patienten (aus welchem Land kommt er wohl?) besorgt und in unserem Dienstzimmer zubereitet hat. Da in den letzten 15 Minuten niemand außer dem Herrn mit Gipsbein mehr sitzen konnte, standen wir also schweißgebadet und Würstchen im Brötchen bewaffnet vor dem Fernseher und fieberten gemeinsam der Entscheidung entgegen. Nach dem Ausgleich der Türkei in der 86. Minute wurde es plötzlich still im Raum und danach hatten die Trainer vor dem Bildschirm ihren Auftritt. Doch während man noch über die Chancen der Türken in der Verlängerung diskutierte, fiel zum Glück der entscheidende Treffer zum Sieg der deutschen Mannschaft. Jetzt war kein Halten mehr!
Drei der Patienten samt dem Rollifahrer mit Gips ließen es sich nicht nehmen, sich nach dem Spiel vor das Krankenhaus zu stellen, um den nun vorbeifahrenden Autos mit diversen Fahnen zu winken. Zurück auf der Station sagten sie, dass ein Arzt gekommen wäre und im Hinblick auf seine Patienten um etwas mehr Ruhe gebeten hätte. Angesichts der hupenden Massen, die bis spät in die Nacht am Krankenhaus vorbei fuhren, war diese Forderung natürlich Quatsch, trotzdem sind sie artig gewesen. Man hat in der letzten Nacht auch nichts von Todesfällen im Haus gehört. Zumindest von keinen, die durch hupende Autos und grölende Menschen verursacht worden wären.
Insofern war mein persönliches Halbfinale ein voller Erfolg, zumal die Patienten danach auch derartig erschöpft waren, dass sie fast alle durchgeschlafen haben. So schön kann Fußball sein!
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