Die Italienische Rabbinerversammlung hat die Gespräche mit der katholischen Kirche vorerst auf Eis gelegt, Berlins Rabbiner Walter Homolka wirft dem Papst “antisemitische Tendenzen” in der Kirche vor und hat die Teilnahme am bevorstehenden Katholikentag in Osnabrück abgesagt. Grund der Verstimmung ist die Neufassung der Fürbitten in der Karfreitagsliturgie des außerordentlichen Messritus, auch tridentinische Messe genannt, der im letzten Jahr wieder für alle Gemeinden zugelassen wurde. Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch meint, dass sie “eine subtile Aufforderung zur Judenmission” enthalte und damit “einer Geringschätzung der jüdischen Religion das Wort geredet” werde. Im Detail geht es um den Satz “Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott unser Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Retter aller Menschen erkennen”.

Soweit so verärgert. Um die Unterschiede zwischen den einzelnen Textfassungen zu verdeutlichen, habe ich sie an dieser Stelle in deutscher Übersetzung aufgelistet:

Messbuch von 1570

Lasst uns auch beten für die treulosen Juden: Gott, unser Herr, möge den Schleier von ihren Herzen wegnehmen, auf dass auch sie unseren Herrn Jesus Christus erkennen. [...] Allmächtiger, ewiger Gott, der du auch die jüdische Untreue nicht von deiner Erbarmung ausschließt, erhöre unsere Gebete, die wir ob der Verblendung jenes Volkes vor dich bringen. Mögen sie das Licht deiner Wahrheit, das Christus ist, erkennen und ihrer Finsternis entrissen werden…

Messbuch von 1962

Lasst uns auch beten für die Juden: Gott, unser Herr, möge den Schleier von ihren Herzen wegnehmen, auf dass auch sie unseren Herrn Jesus Christus erkennen. [...] Allmächtiger, ewiger Gott, der du auch die Juden nicht von deiner Erbarmung ausschließt, erhöre unsere Gebete, die wir ob der Verblendung jenes Volkes vor dich bringen. Mögen sie das Licht deiner Wahrheit, das Christus ist, erkennen und ihrer Finsternis entrissen werden…

Messbuch von 1970

Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will. [...] Allmächtiger, ewiger Gott, du hast Abraham und seinen Kindern deine Verheißung gegeben. Erhöre das Gebet deiner Kirche für das Volk, das du als erstes zu deinem Eigentum erwählt hast: Gib, dass es zur Fülle der Erlösung gelangt.

Neufassung außerordentlicher Ritus von 2008

Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott unser Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Retter aller Menschen erkennen. [...] Allmächtiger ewiger Gott, der Du willst, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Gewähre gnädig, dass beim Eintritt der Fülle der Völker in Deine Kirche ganz Israel gerettet wird.

Betrachtet man die Texte von 1570 und 1962 fällt auf, dass die neue Version dagegen deutlich entschärft worden ist. Insofern kann ich die Verärgerung vieler jüdischer Geistlicher nicht nachvollziehen. Der Text von 1962 ist aus heutiger Sicht wesentlich unkorrekter (”Schleier von ihren Herzen wegnehmen”, “ob der Verblendung jenes Volkes”), wurde aber bis 2008 benutzt, wenn auch nur von Gruppen, die die Erlaubnis zur Feier der alten Liturgie hatten. Das Christentum ist eine von ihrem Wesen her missionarische Religion mit dem Anspruch, den einzigen Weg zur Erlösung gefunden zu haben, das drückt sich natürlich auch in den Gebeten der Kirche aus. Da würde den älteren Geschwistern des christlichen Glaubens etwas mehr Gelassenheit gut zu Gesicht stehen. Schließlich haben sie den gleichen Anspruch auf Exklusivität und könnten gut über diesen Dingen stehen. Letztendlich wäre es sehr schade, wenn der jüdisch-christliche Dialog an einem Gebet, das einmal im Jahr von einer Minderheit in der Kirche gebetet wird zu Fall kommen würde.

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