Vor einigen Wochen wurde ich einem katholischen Chat-Room gefragt, ob ich zum bevorstehenden Treffen des Forums deutscher Katholiken kommen würde. Ich verneinte mit der Begründung, dass mich die Ausrichtung dieser Gruppierung nicht anspricht. Darauf kam prompt die Frage ob ich es dann mehr mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken halte, was in diesem Chat gleichbedeutend mit liberal, also quasi vom katholischen Glauben abgefallen ist. Als ich auch das verneinte, wollte mein Gesprächspartner wissen, zu wem oder mit welcher Richtung ich es denn halten würde. Ich konnte bloß antworten, dass ich einfach nur katholisch bin. So meinte ich es auch.
Zugegeben schätze ich keine Experimente in der Heiligen Messe; ich mag es nicht wenn ich meine Nachbarn beim Vater Unser an den Händen halten soll oder wenn es im Familiengottesdienst anstatt einer Homilie stotternde Kinder gibt, die ein langweiliges Anspiel vorführen. Mich stören Menschen die die Heilige Eucharistie empfangen wie einen Burger am Autoschalter von Burger King. Ich kann nicht nachvollziehen, warum manche Katholiken eine Aufgabe des Zölibats fordern, obwohl sie nicht davon betroffen sind. Genauso wenig verstehe ich wiederverheiratete Geschiedene die auf ihr "Recht" zur Teilnahme an der Eucharistie bestehen, obwohl sie den Beipackzettel der Kirche zu diesem Thema doch vorher kannten. Ist das jetzt schon traditionelles Denken? Ich glaube nicht.
Auf der anderen Seite wird bei automatisch ein Alarm ausgelöst, wenn ich Menschen von der Bewahrung katholischer Werte und Traditionen sprechen höre. Ich werde skeptisch wenn man mir einreden will, dass Heil verstecke sich im Einnehmen der Eucharistie mit ausgestreckter Zunge und in der Teilnahme an der tridentinischen Messe. Genauso hellhörig werde ich wenn man mir bürgerlich-romantische Familienideale aus dem 19. Jahrhundert als einzig wahres Bild einer katholischen Familie verkaufen möchte. Ist das liberales Denken? Ich glaube nicht.
Ich persönlich versuche so gut ich kann nach den Regeln des Evangeliums und der Kirche zu leben. In den Punkten wo ich es nicht kann, trage ich die Konsequenzen die sich in diesem Leben daraus ergeben. Ich habe lange gebraucht um katholisch zu werden, deshalb bin ich bei allen Reformern und Bewahrern in erster Linie argwöhnisch.
Darum lieben wir unsere Kirche - trotz, nein, gerade wegen ihrer armen äußeren Erscheinung. Der Katholik bejaht die Kirche so wie sie ist. Denn so, wie sie ist, ist sie ihm Offenbarung der göttlichen Heiligkeit, Gerechtigkeit und Güte. Der Katholik begehrt keine Ideal- oder Ästhetenkirche, keine Gralsburg auf Erden. [...] Ich glaube an eine heilige, katholische und apostolische Kirche.Aus: Das Wesen des Katholizismus, Seite 268, Karl Adam, 1940
Schöner Kommentar. So sehe ich das als Konvertit ebenfalls. Wenn Du einen schönen katholischen Kongress erleben willst, dann empfehle ich den von "Kirche in Not". Da habe ich heute die Programme für 2008 erhalten. 2006 war der Kongress wirklich klasse.
Stimme Dir vollkommen zu. Das ist übrigens auch das, was ich am Opus Dei am meisten schätze: die "Freiheit der Kinder Gottes". Es ist sehr angenehm, dass dir dort niemand vorschreibt, wie du zu leben, was du politisch oder gesellschaftlich zu denken und wie du dich kleiden sollst (außer: geschmackvoll, sorgfältig und deiner Persönlichkeit entsprechend...). Ich kenne dort einerseits die emanzipiertesten Frauen überhaupt, gleichzeitig aber auch eine große Wertschätzung von Kindern und Familie - weil das dort im Prinzip auch kein Widerspruch zu sein scheint. Dazu kommt eine generelle Offenheit gegenüber der gegenwärtigen Kultur und dem Denken der Welt, mit dem man sich auseinandersetzt und sich nicht verschließt, und ein kritisches Denken auch der eigenen Seite gegenüber (wenn ein Argument schlecht ist, ist es eben schlecht, auch wenn es das Richtige meint).
Das ist ganz anders, als der Geist, den ich meist in traditionalistischen Kreisen (ob im Internet oder persönlich) erlebt habe. Das Tradi-Milieu in Wien ist etwa stark monarchistisch geprägt; ich habe zwar nichts gegen den Monarchismus, aber halte es doch für übertrieben, die Habsburgermonarchie (oder auch den Ständestaat von 1934-38) für die Verwirklichung des Gottesstaates auf Erden zu halten... Auch die Einstellung zur Kleidung (alles an Tracht und 19. Jahrhundert orientiert, Frauen sollen keine Hosen tragen), zu Musik und Kultur (alles was spätestens nach Richard Wagner kam, ist des Teufels, Rock und Pop sowieso) und generell zur gegenwärtigen Gesellschaft finde ich, sagen wir, mehr als fragwürdig... Ebenso, wie liturgische Haarspaltereien, zu denen ich zwar auch neige, aber deren Sinnlosigkeit ich auch erkenne.
Also sehr gut gesprochen, Frank!
danke, frank. so können wir dich nun besser einordnen :-) die ästhetenkirche begehre ich auch nicht.
Diesem Beitrag kann man nur zustimmen.
@Michael
Danke für den Tipp. Das Programm hört sich interessant an. Den Termin werde ich mir mal vormerken.
@ Frank
Falls Du hingehst, sag mal Bescheid. Dann kann man sich mal dort treffen. In Augsburg kann man nämlich nicht nur beten, sondern auch ein gepflegtes Bier (oder zwei...) zu sich nehmen.
Lieber Frank, zunächst einmal finde ich es einfach schön, daß du wieder unter den Bloggern weilst. Zu deinem Karl-Adam-Zitat und deiner Stellungnahme herzlichen Dank! – Finnich gut.
Ich nehme deine Standortbestimmung gerne einmal als Stöckchen auf.
Liebe Grüße auch an den Rest der Stammleserschaft,
Peter
Frank, pack Deine Sachen und komm nach Berlin, hier steht ein Bier für Dich! ;)
ernsthaft, es freut mich immer wieder, wenn ich Leute sehe, die betreffs des Katholizismus eine ähnliche Haltung wie ich habe. Das ist doch im Augenblick das große Problem: Irgendwie scheint es gleichermaßen unter Modernisten als auch Traditionalisten Menschen zu geben, die - sie würden es nie zugeben, klar - ein wenig im Sinne "Kirche vs. Welt" denken. Die einen meinen, die Traditionelle Kirche hätte der Welt nichts mehr zu sagen und sollte selbst zur Welt werden. Die anderen vermitteln mir manchmal den Eindruck, als hätte die Kirche in der Welt nichts verloren, so daß man als guter Katholik sich lieber in seinen Enklaven in der Welt bewegt und möglichst keinen Kontakt nach außerhalb hat.
Da gefällt mir der Ansatz des Opus Dei viel besser. Es ist ja auch interessant, daß ich beim Opus Dei bisher nie eine Messe im Alten Ritus sah und nie eine freie Interpretation des Novus Ordo mitfeiern mußte. Genauso interessant ist, daß ich im Umfeld des Opus Dei öfter auf nicht-katholische Mitarbeiter traf, die auch wirklich als Menschen anerkannt wurden, und trotzdem kein Ökumene-Heiheitrulala stattfand. Vielleicht liegt es daran, daß alle vom Opus Dei, die ich kenne, das christliche Leben nicht als einen Grabenkampf zwischen Traditionelle und Moderne verstehen und so auch auf keiner dieser beiden Frontseiten stehen.