Ein unter anderem wegen Bankbetrug und Drogenherstellung verurteilter Fanatiker dreht einen schlecht gemachten Film, in dem der Prophet Mohammed als grenzdebiler Halunke, Homosexueller sowieso als Schänder von Frauen und Kindern dargestellt wird. Dabei hat er sogar die Darsteller über den eigentlichen Inhalt des Films belogen, denn viele Szenen ließ er nachträglich synchronisieren. Da der Film so schlecht gemacht ist wie nur irgendwas, sollte er am besten in den Tiefen des Internet verschwinden und niemand sollte jemals wieder ein Wort darüber verlieren. Leider hat die gut 13minütige Vorschau dieses Machwerks in den letzten Tagen zu Krawallen mit Todesopfern in der vom Islam geprägten Welt geführt und es sieht nicht so aus, als würden sie schnell wieder ein Ende finden. Denn obwohl zahlreiche staatliche und religiöse Führer zur Mäßigung aufgerufen haben und gewalttätige Proteste verurteilen, stehen politische Brandstifter wie die Hisbollah oder Rechtsextremisten in den Startlöchern, um die Proteste für ihre Zwecke zu missbrauchen.
Die einfachen Antworten darauf sind: Seht her, diese intoleranten Kameltreiber sind einfach zu dumm für Demokratie und Meinungsfreiheit, lasst uns diese Staaten nicht mehr unterstützen. Außerdem ist der Islam eine zutiefst gewaltbereite Religion, die mit modernen Menschenrechten nicht vereinbar ist. Genaugenommen schüren Religionen an sich nur Hass und Gewalt, deshalb sollte man sie gänzlich verbieten. Zumindest sind das einige der Reaktionen, die ich in den letzten Tagen beobachtet habe. Alle haben gemeinsam, dass sie letztendlich auch nicht weiter denken als der Macher des Films und die gewalttätigen Randalierer. Aus unserer westlichen und in jeder Hinsicht privilegierten Sicht ist ein solches Urteil einfach, doch ich denke man sollte genauer auf die Staaten in denen die Unruhen stattfinden schauen.
Sehr heftige Krawalle gab es im Sudan, einem Staat im Nordosten Afrikas der fünfmal so groß wie Deutschland ist, aber nur knapp 40 Millionen Einwohner hat. Von 1899 bis 1953 war der Sudan faktisch eine britische Kolonie, danach wechselten sich die Machthaber im Land häufiger durch Putsche als durch Wahlen ab. Seit 1998 ist der Sudan eine islamische Republik, die von einer Militärregierung regiert wird. Laut Amnesty International liegt dort im Bezug auf Menschenrechte einiges im Argen, was auch für die Bildung gilt, denn die Analphabetenrate liegt bei 29 Prozent unter Männern und 51 Prozent unter Frauen. Die Menschen dort hatten also nie die Gelegenheit sich in Demokratie zu üben und haben fast keine Chancen sich Bildung anzueignen. Eine explosive Saat aus mangelnder Bildung und fundamentalistischen Predigern, gepaart mit einem diffusen Hass auf den Westen fällt dort natürlich auf einen fruchtbaren Boden.
Menschen die nicht lesen können und auf den Erhalt von einseitigen Informationen beschränkt sind, haben so gut wie keine Chance sich eine eigene unabhängige Meinung zu bilden. Sie sind also willkommene Opfer für fundamentalistisches Gedankengut von Predigern und Parteien, denn ich gehe nicht davon aus, dass die meisten Randalierer überhaupt wissen worum es genau geht. Das kann natürlich keine Entschuldigung für einen Lynchmob sein, trotzdem halte ich es für falsch diese Menschen per se als unfähig für moderne gesellschaftliche Sichtweisen anzusehen. Wie man es anstellen kann weiß ich zwar nicht genau, ich bin aber sicher dass auch in diesem Fall das Zauberwort Bildung heißt. Nur wer über eine solide Grundbildung verfügt ist in der Lage sich ein differenziertes Bild von der Welt zu machen. Ob daraus immer der Wunsch nach Demokratie entsteht, kann ich ebenfalls nicht sagen, denn vielleicht ist die Demokratie nach unserem Vorbild nicht überall die beste Möglichkeit. Ich glaube aber dass gebildete Menschen weniger leicht von Fundamentalisten aller Art zu instrumentalisieren sind. Deshalb wäre es der falsche Weg Staaten in denen die Krawalle herrschen sich selbst zu überlassen, dadurch wird man die Lage nur noch verschlimmern.
Ist es denn nicht so das gerade die islamistische Führungsschicht, aber auch viele Demonstranten hoch gebildet sind und auch über ein sehr großes Wissen verfügen?
Bildung bringt nur dann etwas wenn man sie einsetzen kann. Und das sehe ich als das größere Problem an. Viele sehr gut ausgebildete Muslime leben persepktivlos sind und sind frustriert. Denn ohne Chancen auf einen Job hat man auch keine Chancen auf eine Partnerschaft/Familie/Wohlstand.
Somit stellen sich viele Jugendliche und junge Erwachsene in islamischen Ländern die berechtigte Frage warum es ihnen schlechter geht als Gleichaltrigen in Westen und das obwohl sie sich nach ihren Weltbild nach korrekter verhalten und eigentlich belohnt werden müssten.
> Ist es denn nicht so das gerade die islamistische Führungsschicht, aber auch viele Demonstranten hoch gebildet sind
Bestimmt wird es auch gebildete Menschen unter den Demonstranten geben und ähnlich wie bei den Nazis in Deutschland, wird es einige durchaus Gebildete geben, die die Massen für ihre Zwecke mobilisieren.
> Bildung bringt nur dann etwas wenn man sie einsetzen kann.
Da sprichst du einen wichtigen Punkt an. Das sich viele Menschen in vom Islam geprägten Ländern vom Westen zurück gesetzt fühlen wird so sein. Ich denke da spielen auch noch jede Menge aus der Geschichte gewachsene Probleme eine Rolle. Eine insgesamt sehr schwierige Situation :/