Missbrauch und kein Ende in Sicht
Seit Tagen schon will ich etwas zu den Missbrauchsfällen in katholischen Einrichtungen schreiben, doch eigentlich bin ich fassungslos. Selbst wenn man die Medien nur halbherzig verfolgt muss man den Eindruck gewinnen, dass es in der Kirche von Pädophilen nur so wimmelt und ihr Treiben in den letzten 50 Jahren entweder gedeckelt oder ihnen nur sehr zaghaft Einhalt geboten wurde. Erklärungen? Ich habe keine. Den Kritikern der Kirche bedeuten diese Enthüllungen natürlich Wasser auf ihre Mühlen, und ich kann es ihnen auch nicht verübeln. Da werden über Jahrzehnte Kinder missbraucht und misshandelt, Aussagen von Opfern teilweise unter den Teppich gekehrt und wenn es denn zu offensichtlich war, Täter lediglich in andere Gemeinden versetzt. Alles nur um den Anschein der moralisch gefestigten Kirche, in der es solche Perversionen nicht geben darf zu wahren. Das ist nicht entschuldbar, das ist ekelhaft, das ist kriminell.
Und auch wenn die Deutsche Bischofskonferenz ein Interesse an der Aufklärung dieser Fälle bescheinigt hat, ist mir das persönlich zu wenig. Es reicht nicht aus sich auf Pressekonferenzen zu entschuldigen, und eine gute Zusammenarbeit mit den staatlichen Behörden zu versichern. Das kann in diesem Skandal nur die Grundvorrausetzung sein. Dass Bischof Zollitsch den Papst besucht ist sicherlich gut und richtig, doch warum sucht er nicht genauso die Orte der Verbrechen auf, um dort Rede und Antwort zu stehen? Warum gibt es keine unabhängigen Ermittler, wie sie die irische Kirche eingesetzt hat? Wo ist die aktuelle wöchentliche Pressekonferenz zum Stand der Dinge? Wo ist die bundesweite Hotline und Website, bei der sich weitere Opfer melden können? Nicht zuletzt vermisse ich einen Fonds für Entschädigungszahlungen. Nicht dass sie etwas wieder gut machen könnten, aber sie wären ein symbolischer Akt der Reue, der den Opfern angemessen wäre.
Als ebenso unangemessen empfinde ich die stetigen Hinweise darauf, dass der Missbrauch nicht allein auf die Kirche beschränkt ist. Sicher gibt es solche Vergehen auch in andern Einrichtungen und natürlich sind sie kein Resultat des Zölibats und der kirchlichen Strukturen. Trotzdem wäre es im Sinne der Demut besser, man würde sich allein auf seine Schuld konzentrieren. Alles andere wirkt auf mich wie der Versuch einer Relativierung, auch wenn es wahrscheinlich nicht so gedacht war. Was kann jetzt helfen? Für mich kann jetzt nur noch der sogenannte Eiserne Besen zum Zuge kommen. Alle Täter müssen zur Rechenschaft vor Gericht gezogen werden, genauso wie die Verantwortlichen, die sich durch ihre Laschheit mitschuldig gemacht haben. Das wird ein schmerzhafter Prozess sein, doch es gibt für mich keine Alternative, um die Glaubwürdigkeit der Kirche in der Öffentlichkeit wiederherzustellen und die eigene Vergangenheit aufzubereiten. Zum Abschluss ein Zitat der Hl. Katharina von Siena, die sich schon vor mehr als 600 Jahren mit solchen Bastarden in der Kirche herumschlagen musste:
Da Euch der Garten der heiligen Kirche anvertraut ist, müsst Ihr zuallererst die stinkenden Blumen ausrotten, die voll Unreinheit sind, voll Gier und aufgeblasen von Stolz.
In diesem Sinne empfehle ich euch noch einen sehr lesenswerten Kommentar, der sich mit den Aussagen heiliger Frauen der Kirche zu diesem Thema befasst. Ebenfalls lesenswert ist dieser Kommentar, der der Kirche mehr Mut zur Aufbereitung machen will. Zum endgültigen Abschluss noch der Hinweis auf einen Artikel von Alice Schwarzer, die beschreibt, warum Missbrauch nicht nur auf die Katholische Kirche beschränkt ist.









Wenn über Missbrauch in der katholischen Kirche gesprochen wird und diese dann auf anderen Missbrauch hinweist ist das ausgemachter Unfug! Ganz gleich ob das auch woanders existiert, es ist in der Kirche passiert und sie hat sich dem zu stellen.
In der ganzen Diskussion wird ständig über neue Gesetze gesprochen. Wer hält die Kirche denn davon ab freiwillig zu zahlen?
Verwundert bin ich darüber dass die Kirche zwar systematischen Missbrauch eingesteht, allerdings immer erst nach dem Verjähren der Delikte. Man darf wohl alle paar Jahre mit neuen Erkenntnissen dieser Art rechnen.
Der Gipfel ist, dass sich die Kirche offenbar als ausserhalb der Gesetzgebung sieht.
Was passiert? Alle Schreihälse die dokumentierten Missbrauch verdecken wollten schweigen bei tatsächlichem Missbrauch.
Pfaffen Digitalkameras zu verbieten würde wohl mehr Schmutz im Netz unterbinden als alle Stopp-Schilder zusammen…
@Maschinist
Ein Großteil der Fälle die wir tagtäglich hören wurden damals angezeigt und die Täter wurden verurteilt. Natürlich hat die katholische Kirche Fehler gemacht, genauso wie alle anderen. Wie alle anderen hat man auch vertuscht und verheimlicht. Nicht ohne Grund werden nur 5-10 % aller Missbrauchsfälle bekannt (ca. 15-18 Tausend bei ca. 200 – 300 Tausend pro Jahr). Alles andere wird unter den Teppich gekehrt.
Die katholische Kichre zahlt übrigens schon Heute freiwillig. Es werden zum Beispiel häufig Behandlungskosten übernommen, obwohl man es oftmals nicht müsste.
Ich will damit nichts beschönigen, aber doch dazu auffordern alle Fälle gleich zu behandeln. Denn wenn man zum Beispiel Fälle auf städtischen Schulen der Presse meldet, dann wird das schlichtweg ignoriert (wie ich selber erleben durfte). Sagt man aber es handelt sich um eine katholische Schule, dann bekommt man sofort Gehör. Warum eigentlich? Haben die Schüler auf katholischen Schulen mehr Rechte oder ist dort der Missbrauch schlimmer? Ich verstehe es nicht, kann mir das einer erklären?
Nur um eine Beispielsrechnung zu machen: Aktuell werden pro Jahr ca. 15000 – 18000 Missbrauchsfälle bekannt. Das sind etwa 500.000 Missbrauchsfälle auf 30 Jahre gerechnet (1 Millionen auf 60 Jahre). Wir diskutieren aktuell über ca. 300 Fälle die teilweise 50-60 Jahre zurück gehen (… was – selbst wenn wir nur die 500.000 Fälle als Grundlage nehmen, nicht 0,06 % der Fälle sind).
Würde die Presse von allen Fällen ähnlich berichten, dann gäbe es keinen Platz mehr für andere Nachrichten. So groß ist das Ausmaß des tagtäglichen Missbrauchs.
Nun ist dabei kein Schicksal was weniger schlimm ist. Warum also sind die einen Fälle wertvoll und die anderen nicht? Ich verstehe es nicht.
Eher meine ich das wir ein riesiges gesellschaftliches Problem haben und die katholische Kirche – wie man an Hand der Beispielsrechnungen sehen kann – der Sündenbock ist. Kein unschuldiger Sündenbock, aber der einzige den es trifft. Alle anderen ducken sich weg und freuen sich das ihnen nichts geschieht.
PS.: Ich hoffe das ich jetzt nicht den Vorwurf der Relativierung bekomme, weil ich mir erlaube an Hand von Zahlen darzustellen wie die Verhältnisse eigentlich sind. Aber die Zahlen sind nun mal so und mir – als einer der auf städtischen Schulen zu deutlich mitbekommen hat wie sich Lehrer falsch benehmen – widerstrebt es hier nur einen Schuldigen festzumachen. Ich sehe nun mal das die gesamte Gesellschaft krank ist und die Zahlen geben mir leider recht. Denn selbst wenn die katholische Kirche noch so eindringlich aufklärt, sie wird das Problem nicht lösen können. Nicht in den eigenen Reihen und noch weniger in der Gesellschaft. Denn nur wenn alle mitmachen, können wir es schaffen den Missbrauch zu verringern. Anders geht das nicht.
Nur leider werden wir nach wochenlangen Diskussionen vor einem Scherbenhaufen Kirche stehen, während alle anderen munter weitermachen. Damit verhindert man keinen Missbrauch, sondern begünstigt ihn sogar.
> Wenn über Missbrauch in der katholischen Kirche gesprochen wird und diese dann auf anderen Missbrauch hinweist ist das ausgemachter Unfug!
Offensichtlich hast Du die Motivation dieser Hinweise mißverstanden. Hierbei geht es nicht darum, von den Verbrechen im eigenen Laden abzulenken oder sie zu verharmlosen, sondern es sind Reaktionen auf ungerechtfertigte Angriffe auf die Kirche selbst. Wenn in schöner Einmütigkeit der Zölibat als Ursache für Kindesmißbrauch hingestellt wird, dann ist der Hinweis darauf, daß sexueller Mißbrauch nicht zölibatärer Männer durchschnittlich höher ist, keine Ablenkung, sondern ein Versuch, die Debatte zu versachlichen. Wenn behauptet wird, die Strukturen der Kirche und deren Sexualmoral würden zwangsläufig zu sexuellem Mißbrauch führen, dann ist der Hinweis auf etwa die Odenwaldschule, die ja der “Reformpädagogik” verpflichtet ist, ebenfalls sinnvoll, weil der Mißbrauch offensichtlich weder mit typischen Strukturen der Kirche noch mit deren Sexualmoral zu tun hat.
> Der Gipfel ist, dass sich die Kirche offenbar als ausserhalb der Gesetzgebung sieht.
Offenbar hast Du Dich nicht vernünftig informiert. Dieser Satz ist nämlich im Zusammenhang mit der Mißbrauchsdiskussion eine glatte und unverschämte Lüge.
“Erklärungen? Ich habe keine.”
Bei einer Organisation mit einer derartigen Vorgeschichte wundert mich das nicht… Eine weites Kapitel der Glorreichen Geschichte unserer Moralinstitution…
Warum Fassungslos? Die Kirche reagiert auf den Missbrauch doch genauso, wie so schon auf Inquisition, Bücher- und Hexenverbrennung, Kreuzzüge, etc. reagiert hat – schönreden.
Der Papst ist immernoch unfehlbar.
Darf man nicht an Wille und Fähigkeit zur Einsicht der alten Männer an der Spitze dieser Organisation zweifeln?
Gut, ich habe es sehr zynisch formuliert ( http://bit.ly/9RCEpt – ich würde mich freuen, wenn du das sachlich zerreist, nicht nur in einem Wort :-D ), trotzdem: Muss man der Kirche immer mit sanfter Stimme begegnen, nur weil sie behauptet die absolute und einzige Wahrheit für sich zu pachten? Muss man ihr immer wieder alles verzeihen?
Meine Kernthese, abseits allem bösen Humor zum bösen Thema ist nunmal dass es Faktoren gibt, die diese Art Missbrauch verhindern, und dass es Faktoren gibt, die ihn begünstigen. Das Zölibat zähle ich klar zu letzterem.
Sie sprechen mir aus der Seele. Auch ich empfinde die verharmlosenden und relativierenden Hinweise, Missbrauch sei kein rein kirchliches Thema, als völlig unangemessen, denn sie verhöhnen die Opfer. Auch die vereinfachende Ansicht, als Christ müsse man doch verzeihen, läuft ins Leere. Es gehört immer noch die tätige Reue hinzu. Erst die echte Umkehr mach Versöhnung möglich. Es liegt an den Tätern, diese Umkehr endlich in Wort und Tat zu begehen und Wiedergutmachung zu leisten – wenn und soweit das überhaupt möglich ist.
@Cymaphore
Ich bin selbst Katholik und sogar einer, der erst mit 30 Jahren in die Kirche eingetreten ist. Ich habe mir die Kirche, die du so verdammst, ausgesucht, weil sie für mich die einzige und die richtige Kirche ist. Genau aus diesen Gründen widern mich diese Missbrauchsfälle samt der mittlerweile erwiesenen Vertuschung besonders an. So etwas darf es in “meiner” Kirche nicht geben und deshalb wünsche ich mir, dass alles aufgedeckt und die Schuldigen bestraft werden. Dabei geht es nicht um Verzeihen sondern um Verurteilen im weltlichen und strafrechtlichen Sinn. Aus christlicher Sicht sollte natürlich jedes Opfer dem Täter verzeihen. Das ist aber etwas völlig Privates, das nicht zu öffentlichen Debatte steht und jede/r mit Gott und sich selbst ausmachen muss. Darin darf sich niemand einmischen.
Trotzdem finde ich es ärgerlich, wenn diese Taten als Anlass für schlechtes Kirchen-Bashing missbraucht werden, wie es zur Zeit oft der Fall ist. Man muss kein Katholik, Christ oder überhaupt gläubiger Mensch sein, um bei diesem widerlichen Thema sachlich bleiben zu können. Alle meine atheistischen Freunde können das erstaunlicherweise. Sie kritisieren bestimmte Punkte völlig zu Recht, holen aber nicht gleichzeitig die Kreuzzüge oder den Zölibat aus dem Archiv.
Mit sachlicher Kritik setze ich mich gerne auseinander. Nur bei Kommentaren, die augenscheinlich nur willkommenes Bashing sind schalte ich sofort ab. Auch weil ich mittlerweile einfach keine Lust mehr habe, mich mit Leuten auseinander zusetzen, die ohne jeden Plan von Kichengeschichte und Kirchenrecht einfach blödsinniges Zeug schreiben. Als Beispiel: Es gibt inzwischen von der Kirche unabhängige Untersuchungen die beweisen, dass es keinen Zusammenhang zwischen Missbrauch und Zölibat gibt (Ich vergewaltige ja auch kein Kind, nur weil ich mal längere Zeit keinen Sex habe). Ob man den Zölibat nun gut findet oder nicht, er hat jedenfalls nichts mit dem Missbrauch von Kindern zu tun. Das wird von den Bashern schlichtweg ignoriert und der Zölibat als Feindbild für alle möglichen abstrusen Ideen genommen. Um mich mit sowas zu befassen, habe ich schlicht zu wenig Zeit, keine Lust und fühle mich inzwischen auch einfach zu alt dafür. Denn in der Regel ist Leuten die so etwas glauben, sowieso nicht mehr zu helfen.